Also Chemie, ne. Hab ich nie wirklich kapiert. Beziehungsweise - es hat mich nie wirklich interessiert. (Chemie war in der Oberstufe allerdings das kleinere Übel, denn an Physik hatte ich noch viel weniger Interesse.) Biologie war auch nicht zwingend mein Fach, und an so etwas wie Biochemie wollte mein 17-jähriges Ich nun ganz bestimmt nicht denken. 17-jährige Ichs haben in der Regel sowieso andere Sorgen als die Wahl ihrer naturwissenschaftlichen Grundkurse. Jungs sind viel spannender, und den Zusammenhang zwischen Biologie, Chemie und den Schmetterlingen im Bauch versteht man auch erst später.
Im Bezug auf den Sauerteig, das biochemische Monster Wesen, das ich geschaffen habe, wünschte ich mir heutigen Tags allerdings doch mehr naturwissenschaftliche Kenntnisse. Die Erleuchtung schlägt wohl wirklich erst ab einem gewissen Alter zu...
Dank des kollektiven Wissens im Netz bin ich jetzt, weit mehr als ein Jahrzehnt nach dem Abitur, schlauer und lege dem interessierten Brotback-Novizen gern die Seiten des Sauerteigforums an Herz. Chefbäcker Pöt erklärt unter anderem
HIER, was da alles so abgeht in dieser blubbernden und Blasen werfenden, leicht befremdlich riechenden grauen Masse. (Kaum zu glauben, dass aus so etwas Unattraktivem einmal ein köstliches Brot wird, oder?!)
Der blutjunge Sauerteig-Hüpfer, der nun nach ein paar Tagen
Züchten frisch entstanden ist, kann dann auch gleich zum Einsatz gebracht werden, indem er
mit mehr Mehl, mehr Wasser und (Meer)Salz vermischt wird.
Und so spannend das ganze Heranzüchten auch ist, man will ja nicht ständig
einen neuen Teig ansetzen. Deswegen wird vor dem Weiterverarbeiten ein
kleiner Teil abgenommen und im Kühlschrank für den nächsten Sauerteig
aufbewahrt. Dieser wird dann mit Mehl und Wasser gefüttert oder geführt.
Über Wochen, Monate und Jahre entwickeln sich so immer stabilere und
intensive Sauerteig-Kulturen, von denen man gern auch mal einen "Ableger"
verschenken kann.
Damit
die Erfolge nicht allzulange ausbleiben, würde ich beim Backen mit jungen
Sauerteigen immer noch ein wenig Hefe zum finalen Teig beigeben, meist haben diese
Sauerteig-Teenager noch nicht genug Triebkraft, um ganz allein die ganzen Mengen an
Mehl und Wasser durchzulockern. Nach ein paar Wochen Backen mit dem Teig
allerdings kann man auf zugesetzte Hefe gut verzichten und stolz wie
Bolle ein Brot aus dem Ofen ziehen, auf dem "ohne alles" steht.
Mich jedenfalls macht ein derart selbstgebackenes Brot immer wieder glücklich. Wenn der Geruch nach frischem Brot durch die Wohnung zieht, möchte ich meist das Fenster aufreißen, den Laib den Bäckern aus der Bäckerei gegenüber entgegenstrecken und rufen "So! SO geht das! Nix mit Backmischung vom Großhändler!" Mach ich vielleicht auch eines Tages, hihi.
Sauerteig führen
nach der Pöt-Methode - funktioniert für mich bislang am allerbesten
ca. 80g Starter (vom letzten Sauerteig abgenommen und im Kühlschrank aufbewahrt)
300g Roggenmehl, Type 1150
300ml Wasser
:: 1. Schritt: Wenn der Sauerteigansatz im Kühlschrank aufbewahrt wurde, einige Zeit vor dem ersten Füttern aus dem Kühlschrank nehmen und auf Raumtemperatur "aufwärmen" lassen.
:: 2. Schritt - 1. Füttern: Starter in eine Schüssel geben und mit 100g Mehl und ca. 100ml Wasser verrühren, bis ein zähflüssiger Teig entsteht. Die Schüssel (nicht luftdicht) zudecken und 8 bis 10 Stunden bei 25 bis 28°C stehen lassen. Meine Orte: Im Wohnzimmer in der Nähe der eingeschalteten Heizung, im geheizten Bad, oder im Sommer im von der Sonne gewärmten Zimmer.
:: 3. Schritt - 2. Füttern: Weitere 100g Mehl und 100ml Wasser unterrühren und 6 bis 8 Stunden bei 20 bis 22°C stehen lassen. Also bei normaler Raumtemperatur z.B. im Wohnzimmer.
:: 4. Schritt - 3. Füttern: Die finalen 100g Mehl und 100ml Wasser unterrühren und 4 bis 6 Stunden bei 16 bis 18°C gehen lassen. Ich stelle den Teig dafür ins Schlafzimmer. Der kühle Hausflur geht auch.
:: Etwa 80g in ein sauberes Schraubdeckelglas umfüllen und bis zum nächsten Füttern verschlossen in den Kühlschrank stellen. Den restlichen Sauerteig verbacken. Der Sauerteigstarter wird im Kühlschrank noch eine Weile weiterblubbern und hält sich in der Kälte gut 1 bis 2 Wochen, länger nach Möglichkeit nicht aufbewahren. Bei Lagerung über 10 Tage einmal mit 1 EL Mehl und etwas Wasser direkt in der Schüssel "zwischenfüttern".
:: Die Temperaturen und die Zeiten sollten in etwa eingehalten werden, eine Stunde längeres Gehenlassen wird nichts schaden, aber der Sauerteig sollte nicht stundenlang seinem Schicksal überlassen werden.
Roggenmischbrot mit Sauerteig
für 2 Brote
Sauerteig von oben, so um die 500g (80g Starter für das nächste Mal abgenommen) - oder den frisch angesetzten Starter von HIER, minus den 80g für den nächsten Sauerteig
350g Roggenmehl, Type 1150
500g Weizenmehl, Type 1050 oder Vollkorn
1 EL Salz
500ml lauwarmes Wasser
bei jungem Sauerteig: 10-20g Hefe
Weizenmehl zum Bestäuben
*Update* optional: 200g Walnüsse und 2 EL Brotgewürz
:: In einer großen Schüssel oder der Rührschüssel der Küchenmaschine den Sauerteig, die Mehlsorten und das Salz mischen. Wer möchte, gibt noch 2 EL Brotgewürz (eine Mischung aus gemahlenem Fenchel, Koriander und Kümmel, manchmal auch Anis) hinzu. Wenn Hefe verwendet wird, diese im Wasser auflösen und die Mischung in die Rührschüssel gießen (bei gereiftem Sauerteig die Hefe natürlich weglassen) und alles 10 Minuten lang mit den Knethaken durchrühren (lassen). Der Teig ist SEHR klebrig. Nach Belieben noch Walnüsse unterrühren.
:: Zwei Gärkörbchen großzügig mit Weizenmehl einmehlen. Fall solche nicht vorhanden ist, nicht verzagen: Eine große runde oder zwei normal große Schüssel(n) mit einem sauberen (Leinen-)Tuch auslegen und dieses großzügig mit Mehl bestäuben.
:: Den Teig aus der Rührschüssel in die Gärkörbchen oder die Schüssel bugsieren, locker mit Frischhaltefolie abdecken und so lange gehen lassen, bis sich der Teig deutlich vergrößert hat. Bei jungem Sauerteig und geringer Hefemenge (ca. 10g) kann das auch schon mal über Nacht sein, später verkürzt sich die Gehzeit auf vielleicht 3 Stunden.
:: Den Backofen auf 250°C vorheizen. Wer einen Pizzastein oder Brotbackstein besitzt, sollte diesen nach Anleitung aufheizen, ansonsten das Blech, auf dem das Brot gebacken werden soll, mitheizen. Auf der untersten Stufe auf dem Rost eine am besten metallische Back- oder Auflaufform einschieben und mitheizen.
:: Wenn der Ofen und ggf. der Pizzastein heiß genug sind, eine große Tasse mit Wasser füllen. Die Brotteige vorsichtig auf den heißen Stein oder das heiße Blech "kippen", mit einem sehr (!) scharfen Messer einritzen und in den Ofen schieben. Das bereitgestellte Wasser in die Backform gießen (zischt ordentlich, also in Deckung gehen) und schnell die Ofentür schließen.
:: Das Brot ingessamt 1 Stunde backen, und zwar bei fallenden Temperaturen:
10 Minuten bei 250°C
10 Minuten bei 220°C
10 Minuten bei 200°C
... und dann bei 180°C fertig backen. Das Brot ist fertig, wenn es beim Klopfen auf die Unterseite hohl klingt.
:: Nach dem Backen das Brot herausnehmen und vollständig auskühlen lassen. Am besten ein paar Stunden vor dem Anschnitt ruhen lassen, damit sich sein voller Geschmack entfalten kann.