Alles auf Zucker

 

 

Die Geschichte des Zuckers

 

Die Frage, die mir im Zusammenhang mit dem Projekt Zuckerfrei am häufigsten gestellt wird, ist, „Aber der Körper braucht doch Zucker, oder?“ Ich frage dann immer zurück, ob sie die lange oder die kurze Version hören wollen, und meist entspinnen sich daraufhin spannende Diskussionen. Die lange Version umfasst die Unterteilung der Kohlenhydrate als solche und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Zuckern, also Fructose vs. Glucose oder Galaktose und deren unterschiedliche Verarbeitung im Körper. (Hier hatte ich das schon einmal angerissen.) Die kurze heißt einfach, „nein, braucht er nicht.“ 🙂

Ein interessanter Aspekt in der Frage nach brauchen oder nicht ist die Geschichte des Zuckers. Sidney Mintz, ein US-amerikanischer Anthropologe, fasste es so zusammen: „1650 eine Rarität, 1750 ein Luxusgut, wurde aus dem Zucker nach 1850 ein schlichter Bedarfsartikel.“ 

 

 

Das Argument „Wir haben doch schon immer Zucker gegessen“ stimmt in gewisser Weise… je nachdem, welchen Teil der Welt man betrachtet.  Etwa 10.000 bis 7.000 v. Chr. (je nach Quelle) entdeckten Stämme im heutigen Papua-Neuguinea, dass bestimmte Gräser süß schmeckten, wenn man auf ihnen herumkaute. („Gras“ ist dabei ein wenig irreführend, das Zuckergras bzw. Zuckerrohr wird zwischen zwei und sechs Metern hoch – eine Herausforderung für jeden Rasenmäher!) Sie kultivierten das süße Gras und langsam gewann es an Beliebtheit und kam so bis nach Indien.  Leider war es kein guter Reisebegleiter und tendierte zum Verrotten, bis etwa 300 v. Chr. findige Inder feststellten, dass sich aus dem Gras ein extrem süßer Saft pressen lässt – in Wasser aufgelöster Zucker, der anstelle von Honig genutzt wurde, um Speisen zu süßen.

Um das Jahr 300 n. Chr. herum war es bereits gang und gäbe, diesen Saft zu Sirup einzudicken, und noch ein paar hundert Jahre später hatten die Perser eine Methode entwickelt, aus dem Zuckersaft Zuckerkristalle zu gewinnen. Diese ließen sich gut transportieren und waren ein hochpreisiges Handelsgut, eins der sprichwörtlichen teuren orientalischen Gewürze. Die Araber lernten das Geheimnis des süßen Stoffs schnell kennen und stiegen in die Zuckerproduktion ein, und so war eines der „Mitbringsel“, das die europäischen Kreuzritter im 12. und 13. Jahrhundert mit nach Hause brachten – Zucker.

Über viele Jahrhunderte war Zucker ein Luxusgut, teuer und rar, im ausgehenden Mittelalter hatte ein Kilogramm Zucker den Gegenwert von 100 Kilogramm Weizen. Die Nachfrage war trotzdem bombastisch, und der Handel mit Rohrzucker ein lohnendes Geschäft. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden in den neuen Kolonien in Amerika verstärkt Zuckerrohrplantagen angesiedelt, die Europa mit dem „weißen Gold“ versorgten. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde die Produktion und der Handel mit Zucker nicht nur ein lohnendes, sondern vor allem auch ein blutiges Geschäft, denn die Plantagen hatten einen endlosen „Verbrauch“ an billiger Arbeitskraft: Sklaven. Im gleichen Maße, wie der Handel mit den süßen Kristallen florierte, wuchs auch der Sklavenhandel. Zuckerplantagen waren über zwei Jahrhunderte einer der Hauptgründe für die unmenschliche Sklaverei in der Karibik und dem tropischen Teil Amerikas. Dank dieser massenhaften und gleichzeitig schmutzigen Herstellung konnte die Zuckernachfrage in Europa zwar besser befriedigt werden, trotz allem blieb Zucker ein Gewürz, dass der Oberschicht vorbehalten war. Karies war eine typische Oberschichtenkrankheit!

 

Auch die deutschen Schleckermäuler hatten es gern süß. Anders aber als beispielsweise Frankreich oder England besaßen die deutschen Königreiche und Herzogtümer keine nennenswerten Kolonien, in denen Zuckerrohr angebaut werden konnte und waren daher auf Importe zu horrenden Preisen angewiesen. Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckte ein preußischer Chemiker, dass die heimische Runkelrübe einen relativ hohen Zuckergehalt aufwies. Aber erst mit der Kontinentalsperre während der napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts, die sämtliche Importe nach Europa blockierte und mit Zöllen bis zu 50 Prozent belegte, wurde die Zuckerproduktion durch die Rübe zur „Chefsache“ des preußischen König Friedrich Wilhelm III. Bis zum ersten Weltkrieg wurde der Zuckergehalt in den Runkelrüben von anfänglich zwei auf 15 Prozent hochgezüchtet, und Rübenzucker wurde zum wichtigsten Exportgut Deutschlands. 

Auch heute noch wird in Deutschland ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zuckerproduktion exportiert. Zucker wurde in der EU lange Zeit stark subventioniert; nationale Produktionsquoten, künstlich hochgehaltene Mindestpreise für heimischen Zucker und hohe Schutzzölle für Nicht-EU-Zucker galten genauso wie generöse Exportsubventionen für den produzierten Überschuss, durch den künstlich verbilligter EU-Zucker auf den Weltmarkt geworfen werden konnte, häufig zum Nachteil von Entwicklungs- und Schwellenländern. Vereinfacht zusammengefasst kann man sagen, dass Zucker innerhalb der EU künstlich verteuert wurde, um die Exporte dann wieder künstlich zu verbilligen. Die Export-Subventionen sind zwar seit 2008 ausgesetzt, Exporteure werden dennoch entschädigt, wenngleich nicht mehr in dem Maße wie vorher. Durch die sinkenden Preise innerhalb der EU durch den Abbau der Mindestpreise haben vor allem kleine Zuckerproduzenten zu leiden. Gleichzeitig scheint das schmutzige Geschäft mit dem Zucker weiterzugehen, vor allem mit dem Rohrzucker: Zwar können durch den Abbau von Schutzzöllen alle Länder unbegrenzt Zucker in die EU einführen, doch lohnt sich das nur für diejenigen, die Zucker so billig produzieren können, dass er mit dem EU-Zucker konkurrieren kann. Brasilien ist beispielsweise der Zuckerproduzent mit den weltweit niedrigsten Produktionskosten. Diese niedrigen Produktionskosten werden durch moderne Sklaverei, Monokulturen und den Raubbau an Regenwäldern erreicht. Nachhaltigkeit sieht anders aus, der Satz „Sugar: The Bitter Truth“ erfährt noch einmal eine neue Bedeutung. Spätestens jetzt würde mir wahrscheinlich der Rohrzucker aus dem Discounter aus der Hand fallen.

 

Ganz schön viel Zoff um eine Substanz, den wir physiologisch gesehen gar nicht brauchen, oder?

 

 

Mehr Quellen:

NZZ: Die schwarzen Zähne der Königin

NZZ: Blutzucker

David Gillespie: Sweet Poison

Globalisierung in der Zuckerdose: www.zuckerinfo.de

Zeit Online: Das Laster aus der Steinzeit  

„Sugar slaves“: Interviews mit Arbeitern einer Zuckerrohrplantage in Brasilien (vielen Dank an Barbara für den Link!)

Sidney Mintz: Die süße Macht

Ein Gedanke zu „Alles auf Zucker

  1. Vanessa

    Hallo,

    was hältst du den vom Stevia Zucker?
    Oder vom Xylitol, der sogar gegen Karies helfen soll, anstelle von normalem Zucker?

    Lg

    Antworten

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